Nachruf Dr. Johann Baptist Rieder (1936 - 2026)
Wir trauern um unseren geschätzten Kollegen und langjähriges Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Grünland- und Futterbau in der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften e.V., Dr. Johann Baptist Rieder, der am 13. April 2026 im Alter von 90 Jahren gestorben ist.
Johann Rieder wurde am 14. Februar 1936 in Oberachthal im Landkreis Rosenheim auf einem Bauernhof zwischen Simssee und Chiemsee im Chiemgau geboren. Nach der Volksschule in Moosen (1942-1947) besuchte er das humanistische Gymnasium in Traunstein und Rosenheim, welches er 1957 mit dem Abitur abschloss.
Nach einer zweijährigen Lehre studierte Dr. Rieder von 1959 bis 1962 an der TH München Landwirtschaft, darauf folgte die Referendarzeit, welche er im Juli 1964 erfolgreich mit dem Staatsexamen abschloss.
Von April 1964 bis Juli 1966 arbeitete er am Institut für Grünlandlehre der TU München, dann erfolgte die Berufung in das Beamtenverhältnis als Landwirtschaftsassessor und die Einstellung in die Bayerische Landesanstalt für Bodenkultur, Pflanzenbau und Pflanzenschutz in München. Ende 1967 wurde er zum Regierungsrat und Ende 1971 zum Oberregierungsrat ernannt.
Im August 1970 wurde Herr Rieder an der TU München mit dem Thema "Die Messung von Bodenfeuchte und Bodendichte mit radioaktiven Strahlen in unterschiedlich belasteten Grünlandböden“ promoviert.
Im Rahmen der Neuorganisation der Bayerischen Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau (LBP) wurde die Stadt Freising 01.01.1973 Dr. Rieder’s neuer Dienstsitz. Im Oktober 1982 wurde er zum Landwirtschaftsdirektor und im September 1987 zum stellvertretenden Leiter des Abschnittes Futterfrüchte, Grünland sowie zum Leiter des Sachgebietes Grünland, Almen, Alpen ernannt.
In seinem neuen Wahlheimatort, dem Markt Nandlstadt in der Hallertau übernahm er im Jahr 1984 das Amt des ersten Bürgermeisters, zu damaliger Zeit noch eine Tätigkeit im Ehrenamt. Seinen Beruf als Grünländer mit hervorragendem Ruf nicht nur in Bayern für die Ausübung des Bürgermeisteramtes in Vollzeit aufzugeben, kam für Dr. Rieder jedoch nie in Frage. Daher stellte er sich im Frühjahr 1990 nicht mehr zur Wahl, jedoch wurde ihm im Jahr 2016 anlässlich seines 80. Geburtstages der Titel „Altbürgermeister“ verliehen.
An der LBP wurde Dr. Rieder am 31.07.1997 bis zu seinem eigenen Ausscheiden aus dem aktiven Dienst am 29. Februar 2000 Leiter des Sachgebietes Grünland, Futterpflanzen, Mais. Seinen Kollegen stand er aber auch danach gerne zur Verfügung, wenn man ihn um seine Meinung fragte, er mischte sich aber ganz bewusst im Ruhestand nicht mehr in die Aktivitäten der aktiven Grünlandgeneration an der Landesanstalt oder in Fachgremien ein.
Dr. Rieder war ein national und international anerkannter Fachexperte, dem es gelang, sein breit gefächertes und hochfundiertes Grünlandwissen in zahlreichen Veröffentlichungen, v. a. in wissenschaftlich-angewandten Journalen bzw. Tagungsbänden und praxisnahen Fachzeitschriften an Landwirte, Beratungskollegen der Landwirtschaftsämter, Studierende und Wissenschaftler weiterzugeben. Legendär waren auch seine packenden Vorträge, die er – auf den Punkt gebracht – mit seiner tiefen und ruhigen Stimme vortrug. Seine Tätigkeit führte ihn als Experten mitunter um die ganze Welt, unter anderem auf Seminare und Messen nach Südamerika. Ebenfalls war seine Expertise als Gutachter für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn gefragt.
Von seinem profunden, fachübergreifenden Wissen zeugt auch seine Mitwirkung in verschiedenen Lehrbüchern des Pflanzenbaus. Besonders hervorgehoben sei sein leider schon lange vergriffenes Lehrbuch „Dauergrünland“ (BLB-Verlag) von 1983, indem er die Grundlagen der Grünlandnutzung, seine Pflanzengesellschaften, seine Nutzungsarten und -intensitäten, Erträge, Nährstoffgehalte, wichtige Aspekte der Düngung sowie Maßnahmen der Grünlandpflege prägnant beschreibt.
Bemerkenswert ist bei allem, das Dr. Rieder bereits damals den landwirtschaftlichen Betrieb als Teil des Systems „Boden-Pflanze-Tier“ betrachtete. Daher berücksichtigten seine Arbeiten auch Anforderungen des Rindes an das Futter, Fragen der fortschreitenden Intensivierung der Grünlandwirtschaft einschließlich Umweltaspekte und Ökosysteme. Somit erreichte sein Schaffen nicht nur die im Grünland- bzw. Pflanzenbaubereich der Landwirtschaft (Wissenschaft und Praxis) arbeitenden Kollegen und Kolleginnen, sondern auch Vegetationskundler, Ökologen und Tierärzte. Auch beschäftigten ihn Fragen zur Grünlandnutzung und Grünlandpflege mit Weideochsen, Schafen, Pferden und Damwild.
Viele seiner Forschungs- und Beratungstätigkeiten waren wegweisend für die Forschung, Lehre und Beratung nachfolgender Generationen unterschiedlicher Arbeitsgruppen und Institute an der im Jahr 2003 neu gegründeten Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Beispielhaft genannt seien an dieser Stelle: Die Charakterisierung der wichtigsten Pflanzenbestände des Dauergrünlandes in Bayern, deren Erträge, Nährstoffgehalte und Nährstoffentzüge bei unterschiedlichen Nutzungsintensitäten. Ebenfalls die Wirkung langjähriger Stickstoff-, Phosphor- und Kalidüngung sowie Fragen zur Kohlenstoff- und Stickstoffdynamik. Genannt seien auch seine Arbeiten zum Nährstoffkreislauf im Futterbaubetrieb, ebenfalls ein bis dato hochaktuelles Thema. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Gewinnung von Daten und Informationen zum effizienten Gülleeinsatz, was auch versuchsgestützte Aspekte des Gewässerschutzes im Grünland einschloss. Auch Wirkungen von Agrarumweltprogrammen auf Grünlandbestände und dazugehörige Versuche gehörten zu seinem Tätigkeitsfeld. Einige der von ihm initiierten bzw. veröffentlichten Versuche sind noch erhalten und werden in Führungen und Schulungen eingebunden. Sie bieten zudem als Langzeitversuche das Potenzial, Daten zu langfristigen Prozessen der Humus und Nährstoffdynamik zu gewinnen.
Dr. Rieder war Gründungsmitglied des Verbandes zur Förderung extensiver Grünlandwirtschaft e.V. am 21. März 1991 in Berlin und maßgeblich beteiligt an der Umbenennung in Deutscher Grünlandverband e.V. (DGV) am 11. Juni 1999 in Karlshuld (Donaumoos). Ebenfalls war er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Grünland und Futterbau (AGGF) in der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften, dessen Tagungen er auch noch Jahre nach seinem Ausscheiden als Gast beiwohnte. So auch bei der 100. Jahrestagung im Sommer 2006 am Geburtsort der Bayerischen und Deutschen Grünlandbewegung in Steinach bei Straubing. Auch war Dr. Rieder bis 1999 Mitglied im Ausschuss Grünland und Futterbau der DLG, davon von 1990 - 1994 dessen stellvertretender Vorsitzender, dann bis 2017 noch Gast des Ausschusses.
Viele Kolleginnen und Kollegen kannten Dr. Rieder nicht nur als hervorragenden Fachexperten, sondern auch als Kollegen mit hoher Kooperationsbereitschaft. Und hinter seiner stimmlich tiefdröhnenden Stimme und seiner vermeintlich manchmal rauen Schale verborg sich ein weicher und edler Kern. Respekt-liebevoll voll wurde er in seiner Heimat auch der „Graserldoktor“ genannt. Wer das Glück hatte, privat bei ihm zu Gast gewesen zu sein, schätzte zudem das kulinarische Können des hervorragenden Hobbykochs.
Wir haben mit Dr. Rieder einen außergewöhnlichen Fachkollegen und Menschen verloren.
Michael Diepolder, Gerhard Riehl, Martin Elsässer
Im Namen der AGGF
